Nur eine Eisenbahn - und 1 Million Tonnen Stahl

 

Eine Bahn durch ein Land der Gegensätze

Die Transsibirische Eisenbahn ist sicher eine Bahn der Superlative: Mit fast 10.000 Kilometern durchgehendem Schienenstrang ist sie die längste Eisenbahnstrecke der Welt. 7 Tage bräuchte man, wollte man die Strecke nonstop bereisen. Gleichzeitig durchquert sie ein Gebiet der klimatischen Extreme. Heiße, kurze Sommer mit Durchschnittstemperaturen, die über denen in Deutschland liegen und der extrem harte sibirische Winter, in dem die Quecksilbersäule nicht selten unter -50°C sinkt.  

Zudem die schwierigen Bedingungen, die der Dauerfrostboden, die endlosen sibirischen Weiten und die unerschlossenen riesigen Flusslandschaften an die Ingenieure stellten und die die Bauarbeiten zu einem Abenteuer gigantischen Ausmaßes machten. Unter derartigen Widrigkeiten verwundert es nicht, dass ein solches Unternehmen nur unter großen menschlichen Opfern durchgeführt werden konnte. Viele der zehntausenden Arbeiter und Zwangsarbeiter bezahlten die Erschließung Sibiriens mit ihrem Leben.

 

Die Geschichte einer Eroberung

Doch es sind nicht nur die technologischen und menschlichen Leistungen, die eine Fahrt mit der Transsib zu einem unvergesslichen Erlebnis machen - es ist die Einzigartigkeit einer Landschaft, die mit europäischen Maßstäben nicht zu bemessen ist. Es war diese schier endlos scheinende Weite, die die Kosaken des 16. und 17. Jahrhunderts in ihren Bann zog - und die durch ihre Eroberungszüge den Grundstein legten für die Erschließung Sibiriens; eine Entdeckungsgeschichte, die ihren Höhepunkt im Bau der Transsibirischen Eisenbahn fand.

Es waren Männer wie Vitus Bering und Georg Wilhelm Steller, die durch ihre Entdeckungsfahrten Anfang des 18. Jahrhunderts erstmals Sibirien ins Rampenlicht Europas zogen. Zu dieser Zeit war die Entdeckung der Beringstraße eine verkehrstechnische Sensation. Doch es dauerte noch einmal über einhundert Jahre, bis wissenschaftlicher und technologischer Fortschritt soweit gereift waren, dass man an eine dauerhafte Landverbindung von Moskau nach Wladiwostok denken konnte.
 

Die erste Eisenbahnverbindung Europas mit dem Fernen Osten

Die schwierige Topographie machte eine naturnahe Erkundung zu einer kaum zu lösenden Aufgabe, da die Flüsse Sibiriens in Süd-Nord-Richtung fließen, und die Nordküste selbst von Eismassen bedeckt ist. Somit bot erst die Ankunft der Eisenbahn eine Möglichkeit, die schier endlose Masse Asiens zu umfassen.
Von ersten Plänen für eine Eisenbahnverbindung Mitte des 19.Jahrhunderts bis 1892 vergingen noch einmal 40 Jahre, bis die Bauarbeiten für dieses Mammutprojekt beginnen konnten. Fast 90.000 Arbeiter, Sträflinge und chinesische Hilfsarbeiter brauchten insgesamt nur 14 Jahre, bis auch die letzten Bauarbeiten abgeschlossen werden konnten. Dabei wurde das ganze Projekt unter direkter Aufsicht des Zaren durchgeführt. Die finanzielle Kontrolle und Koordinierung gaben die Zaren nicht aus der Hand.

Die Strecke der Transsib unterteilt sich in 6 Teilabschnitte, die alle unabhängig voneinander und nebeneinander erbaut wurden. Dies sind die Westsibirische, die Mittelsibirische, die Baikal-, Transbaikal-, Amur- und Ussuri-Bahn. Das Komitee der Sibirischen Eisenbahn widmete sich dabei gleichzeitig auch der weiteren wirtschaftlichen Erschließung Sibiriens. Die Bodenschätze und die unerschöpflichen Wälder Sibiriens wurden zum Rückgrat des wirtschaftlichen Aufschwungs Russlands vor dem 1. Weltkrieg. Großstädte entstanden an der Trasse, wie die heutige Millionenstadt Novosibirsk. Mit der Bahn kamen die Menschen und damit auch für die Ureinwohner die industrielle Moderne.
 

Ein Vielvölkerstaat im Wandel

Sibirien war auch vor Ankunft der Eisenbahn keine unbewohnte Gegend: Tuwiner, Burjaten, Chakassen, Jakuten, Tschuktschen, Ewenken, Korjaken...: die Liste an exotisch klingenden Ethnien mit jeweils eigener Sprache und Kultur nimmt kein Ende. Doch wie für ihre Pendants auf dem amerikanischen Kontinent brachte der Fortschritt auch für sie nicht das Himmelreich auf Erden: Verarmung und Alkoholismus bildeten die Hauptprobleme - abgesehen von Zwangsumsiedlung und kultureller Unterdrückung. Wie überall auf der Erde mussten sie sich den Ansprüchen der Eroberer beugen.

Doch auch damit endet die Geschichte nicht. Der scheinbare Zusammenbruch der Sowjetunion brachte neue Umwälzungen. Seitdem die Zwänge des kommunistischen Systems gefallen sind, kehrten und kehren immer mehr Einwanderer Sibirien den Rücken, Abwanderung in die Großstädte und gen Westen ließ den prozentualen Anteil der Ureinwohner sprunghaft ansteigen. Währenddessen erreichen immer neue Ströme chinesischer Händler die Städte im Süden, vor allem Irkutsk, und werden sowohl von Bewohnern als auch von staatlicher Seite zurückhaltend aufgenommen. Das letzte Kapitel in der langen Eroberungsgeschichte Sibiriens scheint noch nicht geschrieben.