Sibirische Völker

 

Besiedlungsgeschichte

Sibirien war lange Zeit so wenig bekannt und fern ab der Zivilisation, dass noch nicht einmal ein Name für das gigantische Feld existierte, das sich vom Ural bis zur  Behringsee, vom Nordpolarmeer bis nach Kasachstan erstreckt. Und doch war Sibirien auch zu diesen Zeiten, vor dem  17. Jahrhundert, nicht unbewohnt. Zahlreiche Völker und Stämme mit ganz unterschiedlichen Kulturen und Sprachen besiedelten zu allen Zeiten die weiten Ebenen, die Wälder und Gebirge der Taiga und Tundra.

Schon in der Vorzeit siedelten Mammutjäger in den sibirischen Weiten. Sogar eine eigene Menschenart, der Denisova-Mensch, bewohnte zu Zeiten des Neandertalers das westliche Sibirien. Von der Jagd auf Mammute und Wollnashörner bezogen die eiszeitlichen Bewohner die Grundstoffe für ihren gesamten Alltag. Neben Kleidung und Werkzeugen fertigten die Mammutjäger sogar ihre Wohnhütten aus Mammutelfenbein. Nach dem Eiszeitalter siedelten die Menschen in kleinen, meist runden Siedlungen, nach der Erfindung des Reitens, als sich im Westen die Griechen aufmachten, die abendländische Kultur zu prägen, wanderten Turksprachige Völker in Sibirien ein. Das Land war auch die Heimat des skythischen Reitervolkes.

Im späten Mittelalter war Sibirien Teil des mongolischen Weltreiches, als dessen Nachfolger dann des Khanats Sibir. Als dieses von den russischen Kosaken unter Jermak erobert wurde, begann die Europäisierung und damit auch der Einzug der Zivilisation, der viele der ursprünglichen Völker verschwinden ließ oder an den Rande der Ausrottung brachte. In den letzten Jahren begann aber eine Neubesinnung auf die alten Werte und Traditionen.

 

Übersicht über die größeren Völker

Burjaten

Die Burjaten sind Nachfahren mongolischer Stämme und die größte Gruppe von Ureinwohnern. Das Zentrum ihrer Kultur ist die Insel Olchon im Baikalsee, auf der sich auch ihre heiligen Stätten befinden. Die traditionelle Tracht der Burjaten ist der Chalat, ein bunter Mantel aus Seide oder Baumwolle, dazu weiche Schaftstiefel und ein spitzer Filzhut. Am liebsten isst man in Burjatien eine Art Pelmeni, also mit Hackfleisch gefüllte Teigtaschen, wie sie auch andernorts in Russland auf der Speisekarte stehen. Die Burjaten sind ein sehr religiöses Volk. Neben dem ursprünglichen Schamanismus und dem seit dem 18. Jahrhundert verbreiteten Buddhismus gibt es auch viele christlich-orthodoxe Ureinwohner. Unter den sozialistischen Zwangsmaßnahmen und Verfolgungen hatten auch die Burjaten sehr zu leiden, da man sowohl ihre Religion als auch ihre nomadische Lebensweise ausmerzen wollte.

Jakuten

Mit 400.000 Angehörigen stellen die turksprachigen Jakuten die zweitgrößte indigene Bevölkerungsgruppe Sibiriens. Ihre Urheimat war der Baikalsee, von dort wurden sie aber ab dem 14. Jahrhundert von den Mongolen nach Norden in die Region der mittleren Lena verdrängt, ein weiteres Mal dann noch von den einfallenden russischen Truppen im 18. Jahrhundert. Wie andere Turkvölker ist auch das Leben der Jakuten nicht von ihren Pferden zu trennen. Sie werden wie Rentiere gehalten, sind außerordentlich winterfest und widerstandsfähig. Auch ihnen versuchten die Sowjets ihre Idealvorstellungen durch Sesshaftmachung und Zwangskollektivierung aufzuprägen, was aber auch aufgrund der Abgeschiedenheit nicht sonderlich erfolgreich war.

Tuwa

Das Volk der Tuwa umfasst noch etwa 200.000 Einwohner Sibiriens. Sie siedeln am oberen Jenissej und sprechen einen Turkdialekt. Ihre Heimat liegt in der Mongolei und sie waren schon immer Jäger und züchten Yaks, Pferde und Schafe.

Chakassen

Es gibt noch etwa 80.000 Chakassen, die nördlich der Republik Tuwa ihr Siedlungsgebiet haben. Es handelt sich dabei um die Nachfahren von turksprachigen Nomaden, die sich auf ihrer Wanderung mit einheimischen Samojeden mischten. Viele von ihnen sind immer noch Anhänger des Schamanismus, aber es gibt auch viele orthodoxe Christen unter den Chakassen.

Altaier

Die Altaier waren das letzte große eingeborene Sibiriens, das erst im 19. Jahrhundert unter russische Kontrolle fiel. Heute gibt es noch etwa 70.000 von ihnen. Auch sie sprechen eine Turksprache.

 

Nördliche Kleinvölker

Es gibt ca. 40 Kleinvölker in Sibirien und dem fernen Osten. Die bekanntesten von ihnen sind die Ewenken und Nenzen mit noch mehreren 10.000, die kleinsten die Enzen und Orotschen mit jeweils 200 Menschen. Und von den Kereki gibt es nur noch eine handvoll (im wörtlichen Sinne!). Weit im Nordosten leben noch Paläosibirier, unter anderem die Keten und Tschuktschen. Die Chanten und Mansen sind Finno-Ugrier und mit Esten, Ungarn und Finnen verwandt. Sie alle leben als nomadisierende Jäger oder Rentiernomaden. Sie ziehen auf ihren Schlitten umher, ihre Gebäude sind mit Rentierhäuten bespannte Zelte und Hütten. Der Fortschritt hat auch vor ihnen nicht halt gemacht. Probleme wie Umweltverschmutzung durch Industrialisierung und Erdölförderung gehören auch für sie zur Realität, ähnlich wie für die nördlichen Ureinwohner Amerikas.